Mehr als 1.000 Künstler:innen, darunter Kate Bush, Damon Albarn und Annie Lennox, haben ein ungewöhnliches Album veröffentlicht: Is This What We Want? enthält zwölf Aufnahmen leerer Studios und symbolisiert die existenzielle Bedrohung für die gesamte Musikbranche durch so genannte Künstliche Intelligenz.
Die britische Regierung plant, KI-Unternehmen zu erlauben, urheberrechtlich geschützte Werke ohne Zustimmung der Urheber für das Training ihrer Algorithmen zu nutzen. Das bedeutet für Kreative das Ende ihrer verbliebenen Einnahmequellen und das Ende des Urheberrechts, wie wir es kannten.
Ein stilles Statement gegen Musikdiebstahl mit großen Stil
Die zwölf Tracks des Albums bestehen aus den atmosphärischen Geräuschen leerer Studios und Proberäume – ein akustisches Statement, das verdeutlichen soll, was Musiker:innen droht, wenn ihre Werke ohne ihre Zustimmung für Künstliche Intelligenz verwertet werden. Mehr als 1.000 Musiker:innen werden als Co-Autoren des Albums aufgeführt, darunter Tori Amos, Billy Ocean, die Mitglieder von The Clash und der Oscar-prämierte Komponist Hans Zimmer. Wer genau hinter welchem Track steckt, bleibt jedoch ungenannt.
Kate Bush, die eine der Aufnahmen in ihrem eigenen Studio gemacht hat, bringt es auf den Punkt: „In der Musik der Zukunft – werden unsere Stimmen ungehört bleiben?“
Auch Damon Albarn, Sänger von Blur und Gorillaz, zeigt sich besorgt über die Entwicklungen: „Die Musikindustrie hat sich schon immer verändert, aber was hier passiert, ist kein Fortschritt – es ist Diebstahl. Wenn unsere Arbeit von Maschinen genutzt wird, um Musik zu generieren, die uns ersetzt, dann verlieren wir nicht nur unsere Jobs, sondern auch unsere Identität als Künstler.“
„Meine Befürchtung ist, dass es bereits zu spät ist – dieser Diebstahl hat längst stattgefunden und ist nicht mehr aufzuhalten, so wie viele andere Eingriffe, die die monströs arroganten Milliardärs-Eigentümer von KI und sozialen Medien in unser Leben vornehmen. Die Zukunft hat sich bereits unwiderruflich verändert“, sagte Brian May von Queen der Daily Mail.
„Aber ich begrüße diese Kampagne, weil sie der Öffentlichkeit bewusst macht, was hier verloren geht. Ich hoffe, dass sie es schafft, diesen Prozess zu bremsen – denn wenn nicht, wird sich in Zukunft niemand mehr leisten können, Musik zu machen.“
Die Schwierigkeit ist, dass am Ende niemand nachweisen kann, wenn ein Musikstück einfach „gepromptet“ wurde. Es wird ist heute bereits problemlos möglich, eine generative KI anzuweisen, einen ABBA Song zu komponieren und diesen im Stil von Queen zu arrangieren. Davon lassen sich dann tausende Remixe erstellen, bis etwas halbwegs Hörbares herauskommt, das eventuell auch noch erfolgreich ist aufgrund der verwendeten Vorbilder. Das Ergebnis wird nicht mehr eindeutig einem Urheber zuordnen zu sein, wie im Fall von Samples, obwohl kein einziges Instrument in einem Studio eingespielt wurde.
Zu den prominentesten Unterstützern der Aktion gehören: Hans Zimmer, Imogen Heap, Damon Albarn, Annie Lennox, Ben Howard, Billy Ocean, Jamiroquai, Kate Bush, Kim Wilde,
Max Richter, Yusuf / Cat Stevens, Paul McCartney, Robert Fripp, Sam Fender, The Clash, New Order, Pet Shop Boys, Tori Amos u.v.a.
„Es ist Diebstahl – und die Regierung macht mit“
Die Kritik richtet sich direkt an die britische Regierung, die eine neue Ausnahme im Urheberrecht plant. KI-Unternehmen sollen künftig ohne Zustimmung der Urheber:innen bestehende Werke für das Training ihrer Algorithmen nutzen dürfen. Zwar sieht der Entwurf eine sogenannte „Opt-out“-Möglichkeit vor, doch Kritiker halten diese für unpraktikabel und unfair.
Ed Newton-Rex, britischer Komponist und Initiator des Albums, warnt: „Die Regierung will den Lebenswerken der Musiker:innen des Landes an KI-Unternehmen verschenken – kostenlos. Diese Unternehmen würden unsere Musik nutzen, um uns zu verdrängen. Das wäre eine Katastrophe für alle Kreativen und völlig unnötig. Man kann KI fördern, ohne unsere weltweit führenden Kreativindustrien zu zerstören.“
Die britische Regierung argumentiert hingegen, dass das bestehende Urheberrecht die Entwicklung der KI behindere. Ein Regierungssprecher erklärte: „Der aktuelle Umgang mit Urheberrecht und KI hält sowohl die Kreativindustrie als auch den KI-Sektor davon ab, ihr volles Potenzial auszuschöpfen. Das kann so nicht weitergehen.“
Erlöse gehen an „Help Musicians“
Das stille Protestalbum ist ab sofort auf Streaming-Plattformen wie Spotify verfügbar. Die Titel der zwölf Tracks formen eine klare Botschaft: „The British government must not legalise music theft to benefit AI companies.“ (Die britische Regierung darf Musikdiebstahl nicht legalisieren, um KI-Unternehmen zu begünstigen.)
Sämtliche Erlöse aus dem Streaming und Verkauf des Albums werden an die Musikerhilfsorganisation Help Musicians gespendet, die sich für Künstler:innen in finanziellen Schwierigkeiten einsetzt.
Die Veröffentlichung des Albums fällt bewusst mit dem Ende einer öffentlichen Konsultationsphase der Regierung zur geplanten Gesetzesänderung zusammen. Parallel dazu fordern zahlreiche Künstler:innen, Autor:innen und Schauspieler:innen in offenen Briefen und Zeitungsanzeigen ein Umdenken. Stephen Fry warnt: „Man fördert kein Wachstum, indem man den Schädlingen erlaubt, sich an den Früchten zu laben. Und man fördert keine Wirtschaft, indem man KI erlaubt, sich an den Werken der Kreativen zu bedienen.“
Mit Is This What We Want? senden die Musiker:innen ein klares Signal: Die kreative Arbeit von Künstler:innen darf nicht zur kostenlosen Ressource für KI-Konzerne werden. Ob die britische Regierung darauf reagiert, bleibt abzuwarten.
EU setzt auf Transparenz und Schutz der Urheberrechte
Mit dem AI Act, der im Dezember 2023 verabschiedet wurde und 2025 in Kraft tritt, reguliert die EU den Einsatz von KI-Technologien strenger als viele andere Länder. Der Gesetzesrahmen sieht unter anderem Transparenzpflichten für KI-Entwickler vor. Unternehmen, die generative KI-Modelle wie ChatGPT oder Musik-KI-Tools betreiben, müssen offenlegen, mit welchen Daten ihre Modelle trainiert wurden. Damit wird sichergestellt, dass Urheber:innen erkennen können, ob ihre Werke ohne Lizenz genutzt wurden.
Zusätzlich gibt es in der EU bereits seit 2019 die Urheberrechtsrichtlinie (DSM-Richtlinie), die Plattformen stärker in die Pflicht nimmt, wenn es um die Verwertung geschützter Inhalte geht. Die Richtlinie verpflichtet Plattformbetreiber, Lizenzvereinbarungen mit Urheber:innen zu treffen und unautorisierte Nutzung zu verhindern.
Lizenzpflicht statt Freifahrtschein für KI-Unternehmen
Während die britische Regierung offenbar ein Modell plant, das KI-Unternehmen automatisch Zugriff auf geschützte Werke gewährt (mit einer theoretischen „Opt-out“-Option), setzt die EU auf eine Lizenzpflicht. Das bedeutet: KI-Unternehmen müssen sich aktiv um Genehmigungen bemühen und dürfen urheberrechtlich geschützte Inhalte nicht ohne Weiteres für das Training ihrer Modelle nutzen.
Ein Beispiel für diese Praxis ist die jüngste Vereinbarung zwischen der französischen Nachrichtenagentur AFP und OpenAI, die eine Lizenzierung von journalistischen Inhalten für KI-Training vorsieht. Ähnliche Verhandlungen laufen auch im Musik- und Verlagswesen. Allerdings gibt es kein Zurück mehr, wenn Pandoras Box einmal geöffnet ist: KI-Musik ersetzt kreative Menschen. Allerdings gibt es bis heute auch keinen Hit, der ausschließlich mit KI entstanden ist. Einfach nur Versatzstücke neu zusammenzusetzen macht noch keine gute Musik.
Widerstand aus der Kreativbranche gegen KI-Nutzung
Trotz dieser strengeren Regulierung gibt es auch in der EU Widerstand gegen unautorisierte KI-Nutzung. Organisationen wie die GEMA, die Gesellschaft zur Verwertung von Leistungsschutzrechten (GVL) und der Europäische Komponisten- und Songwriter-Verband (ECSA) fordern noch härtere Regeln, um Urheber besser zu schützen. Sie verlangen unter anderem, dass KI-Modelle keine geschützten Werke für Trainingszwecke nutzen dürfen – selbst dann nicht, wenn die Quelle im Nachhinein offengelegt wird.
Auch die Musikindustrie in Deutschland beobachtet die Entwicklungen in Großbritannien mit Sorge. Der Bundesverband Musikindustrie (BVMI) betont, dass eine Regelung wie in Großbritannien in der EU derzeit nicht durchsetzbar wäre.
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